Ein Interview über das System Gebäudehülle, Glas-Neuentwicklungen und den Vorteil Technischer Richtlinien

In ständigem Wandel: Hochleistungsgläser für zeitgemäßes Wohnen

Seit Jahren gibt es einen spürbaren Mangel an bezahlbaren Wohnungen, und die Lage wird in naher Zukunft nicht viel besser. Jürgen Künsting, Produktmanager Sicherheits- und Lärmschutzgläser bei Saint-Gobain Building Glass Europe, ist seit vielen Jahren in der Baubranche zu Hause und widmet sich auch dem Thema: Was kann die Glasindustrie zum Thema bezahlbarer Wohnbau beitragen?

Da bei Passivhäusern dreifachverglaste Fenster Pflicht sind, gleichzeitig eine gute Tageslichtversorgung gefragt war, fiel die Wahl auf das Wärmeschutzglas CLIMATOP ECLAZ
Zur Einstufung als Passivhaus tragen auch Hochleistungsgläser entscheidend bei.

Dünner, größer, leichter, leistungsfähiger – diese Anforderungen an zeitgemäße Isoliergläser halten die Glasindustrie in Schwung. Was kann Isolierglas im Wohnungsbau heute und wohin geht die Reise?

Jürgen Künsting: Isolierglas kann heute schon mehr, was viele gar nicht wissen! Oft wird es nur als „Füllung“ im Rahmen gesehen, durch die man durchsehen kann. Aber Isolierglas kann jetzt schon Schallschutz, Sicherheit, Wärme- und Sonnenschutz bieten. Die kurzfristige Zukunft liegt darin, diese Leistungen auch im Rahmen der Nachhaltigkeit zu bieten. Und das für Mensch und Umwelt. Daher bieten wir eine Auswahl an Funktionen auch „leichter und dünner“. Dass Gläser in der Zukunft z. B. auch bei der Digitalisierung helfen oder zur Energiegewinnung beitragen können, ist auch nicht auszuschließen.

Eine Umfrage des Deutschen Energieberater Netzwerks e.V. im Jahr 2021 ergab: 90,6 % der Energieberater sehen in ineffizienten Gebäudehüllen den großen Engpass bei der Erreichung der politisch gewollten und geplanten Energie-Einsparziele. Welchen Beitrag kann Ihrer Meinung nach Glas zu effizienteren Gebäudehüllen leisten?

Jürgen Künsting: Ich denke, das kann man so nicht stehen lassen. Wie in Allem muss die Gebäudehülle bzw. das gesamte Bauwerk aufeinander abgestimmt werden. Oft wird gerade bei Renovierungen nur ein Teil erneuert. Und dann ist das „System“ nicht stimmig. Moderne Isoliergläser erreichen schon heute sehr gute Wärmedämmwerte von bis zu 0,5 W/m²K. Aber ohne den passenden Rahmen und den entsprechenden Anschluss nützt das alles nichts. Und richtig eingesetzt, können große Glasflächen auch zu solarem Energieeintrag beitragen, was Heizkosten senken kann. Aber wie gesagt, das Gesamtsystem muss stimmen!

Corona hat gezeigt: Eine Wohnaufteilung von Drei- oder Vier-Zimmer-Küche-Bad ist bei Home Office und Home Schooling nicht die ideale Lösung – zumindest nicht für berufstätige Eltern mit einem oder mehreren Kindern. Genauso wenig wie die offene Wohnfläche im Einfamilienhaus, in der mehrere Bereiche verschmelzen. Entwickelt die Glasindustrie Produkte an den sich ändernden Bedürfnissen der Nutzer*innen vorbei – gilt noch immer das Postulat „je größer die Fenster und Türen, also je mehr Glas, desto besser“?

Jürgen Künsting: Aber natürlich gilt das Postulat noch! Der Mensch braucht Licht! Und den Bezug zur Außenwelt! Und das sage ich nicht nur, weil ich in der Glasbranche tätig bin, sondern hierzu gibt es genug Untersuchungen, die zeigen, was Licht bedeutet. Ob für das Arbeiten, Lernen und ja, auch bei der Genesung. Aber auch das Nutzerverhalten kann man bei den beschriebenen Situationen mit Glas berücksichtigen. Hier wären dann vielleicht Glastrennwände mit Schallschutzglas eine gute Lösung, um dem Raum nicht das Licht und seine Tiefe zu nehmen, aber jedem Nutzer seinen individuellen Raum zu ermöglichen.

In der Fachpresse findet der interessierte Leser quasi monatlich Informationen über neue Gläser, neue Beschichtungen, neue Glasaufbauten etc. Gibt es Neuentwicklungen – wie zum Beispiel Vakuumglas –, bei denen der Anstoß zur Entwicklung von Nutzer*Innen kam? Wie entwickelt Saint-Gobain neue Produkte für den Wohnungsbau?

Jürgen Künsting: Als industrieller Hersteller ist man grundsätzlich auf die Rückmeldung des Marktes angewiesen. Nur so kann man Produkte weiterentwickeln. Aber diese müssen auch industriell herstellbar sein. Daher ist es wichtig, auch über den Tellerrand zu schauen und sich nicht nur auf sein Produkt zu beschränken. sondern auch andere Gewerke in Betracht zu ziehen. Ein Beispiel sind die Entwicklung und Anwendung von RFID Lösungen, die dabei helfen, schon während der Bauphase den Bau effektiver zu gestalten, indem dem Glas Informationen über Aufbau, Eigenschaften, Position am Bau etc. auf einem RFID Chip mitgegeben werden. So kann der Mitarbeiter direkt auslesen, an welcher Stelle das Glas eingesetzt wird. Aber auch im Falle einer Nachbestellung hat der Bauherr, Glaser oder wer auch immer alle nötigen Information direkt auf einen Blick.
Auch die Entwicklungen der dünnen und leichten Gläser gehen auf den Einbau im Fenster und das „Leid“ der Monteure. Ein Glas muss auch für andere „nutzbar“ sein.
Ich denke, was Funktionsschichten wie Wärme- und Sonnenschutz betrifft, befinden wir uns derzeit am Ende der physikalischen und herstellbaren Möglichkeiten. Aber was ist eben mit Zusatznutzen? Zum Beispiel die Verstärkung von 5G Signalen? Projektionsflächen? Energiekollektoren? Unter das alles unter Beibehalt der eigentlichen Funktionen.

Werfen wir zum Schluss einen Blick auf die für den Wohnungsbau relevanten Gesetze, Verordnungen, Normen und Richtlinien: Welche von ihnen sind eher hinderlich und welche eher förderlich, um möglichst schnell mehr und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, und warum?

Jürgen Künsting: Solche Vorgaben müssen sein. Vielleicht leider, aber sonst würde jeder nur nach seiner eigenen Erfahrung planen und bauen. Und was sind Verordnungen, Normen und Richtlinien denn im Grunde nichts anderes als die gesammelte Erfahrung vieler? Nur so kann man einen Bau, ein Bauprodukt, für alle geplanten Eventualitäten sicher machen? Und man lernt nie aus… Daher sind solche Vorgaben auch stetig im Wandel! „Hinderlich“ ist meist eher der unterschiedliche Wissenstand aller beteiligten Gewerke und oftmals vielleicht auch der Zeitraum, in dem neue Erkenntnisse umgesetzt und angewendet werden können!
Denken wir mal an Glas in der Zeit vor 1998? Das war vor der ersten „Technischen Richtlinie für die Verwendung von linienförmig gelagerten Verglasungen (TRLV)“? Da war alles ungeregelt und zustimmungspflichtig. Und erst durch solche Richtlinien wie die TRLV und andere, die folgten, war es einfacher zu planen.

Herr Künsting, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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