Saint-Gobain Glass forciert nachhaltige Produktion

Mehr Scherben für geringere Emissionen

Um seinen CO2-Fußabdruck zu verkleinern, will Saint-Gobain Glass den Rezyklatanteil in seinen Produkten bis 2025 von derzeit 11 auf 20 Prozent erhöhen. Eine sportliche Vorgabe. Dazu braucht der Glashersteller vor allem eins: Viele Scherben.

Der Einsatz von Scherben in der Flachglasproduktion hilft, die CO2-Emissionen zu verringern.
Der Einsatz von Scherben in der Flachglasproduktion hilft, die CO2-Emissionen zu verringern.
© AUDI AG

Circular Economy, Kreislaufwirtschaft, ist eine zentrale Forderung unserer Zeit. Sie hilft neben der Eindämmung von Ressourcenverschwendung dabei, den Energieverbrauch sowie Emissionen in der Grundstofferzeugung zu reduzieren und so dem Klimawandel entgegenzuwirken. Scherben können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Durch ihre Wiederverwertung bei der Herstellung von neuem Flachglas und die Trennung von Verunreinigungen lassen sich der Energieverbrauch und die CO2-Emmisionen verringern.

Vor diesem Hintergrund hat auch Saint-Gobain Glass eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt. Der Kern dieser Carbon-Roadmap ist, den Rezyklatanteil im Glas zu erhöhen. Dafür werden bei der Herstellung von Flachglas Scherben mit in die Glasschmelze eingeleitet. Franz Parulewski ist als Circular Economy Manager bei Saint-Gobain Glass für die Scherben verantwortlich: „Mit einer Tonne Scherben reduzieren wir den CO2-Ausstoß um 300 Kilogramm und mit einem Prozent Scherben im Gemenge sparen wir 0,3 Prozent Energie. Scherben sind der stärkste operative Hebel, den wir haben.“ Deswegen soll der Scherbenanteil bei der Produktion von Flachglas bei Saint-Gobain Glass in den kommenden Jahren deutlich ansteigen. Derzeit liegt der Anteil bei 11 Prozent europaweit und soll bis 2025 auf 20 Prozent hochgefahren werden. Dazu müssen in den kommenden drei Jahren allein in Deutschland knapp 100.000 Tonnen Scherben pro Jahr extra generiert werden.

Im Moment bezieht Saint-Gobain Glass seine Scherben vor allem aus der Glasproduktion. Das ist in erster Linie Bruchglas und Verschnitt aus Betrieben, die das von Saint-Gobain angelieferte Flachglas weiterverarbeiten. Die Scherben sind sortenrein, sauber und besitzen eine hohe Qualität, mit der sie in der Flachglasproduktion ohne viel Aufbereitungsaufwand eingesetzt werden können. Das allein wird aber nicht reichen, um das angestrebte Ziel bis 2025 zu erreichen. Saint-Gobain wird in den kommenden Jahren daher verstärkt Partnerschaften im Post-Consumer-Bereich eingehen und sich Scherben von Baustellen beschaffen. Im Fokus stehen dabei Verwaltungs- und Firmengebäuden, deren große Fenster und Glasfassaden zurückgebaut werden. Eine weitere Quelle sind defekte Windschutzscheiben aus der Automobilindustrie.

Scherben sind nicht gleich Scherben

Im Recycling von Flachglas gibt es allerdings zwei Probleme. Erstens wandern die Scherben derzeit vor allem in die Behälterglas-Industrie und werden zum Beispiel zu Flaschen recycelt oder dienen als Verfüllmaterial im Straßenbau. In beiden Fällen sind sie für die Flachglasindustrie verloren. Die große Aufgabe wird sein, diesen Stoffstrom umzuleiten und für die Flachglasproduktion zugänglich zu machen. Das funktioniert nur mit neuen Dienstleistungen und effektiven Prozessen, welche Saint-Gobain derzeit in diesem Bereich entwickelt. So könnte man das Recycling einer alten Fassade und den damit verbundenen positiven Umwelteinfluss ausweisen oder die Wertschöpfung für den Projektentwickler durch effektivere Recyclinglösungen erhöhen. Das Recycling muss von Anfang an mit in das Lastenheft aufgenommen werden.

Das zweite Problem ist die schlechte Qualität der Scherben. Die Herausforderung beim Rückbau von Gebäuden liegt darin, dass die Scherben nicht verunreinigt werden dürfen – weder durch Schutt noch durch ungeeignete Scherben. Hier sucht Saint-Gobain Glass die Zusammenarbeit mit führenden Recyclern und Abbruchunternehmen, die für eine gute Qualität sorgen sollen. Nach einem aufwendigen Reinigungs- und Sortierprozess ist die Qualität des Materials so gut, dass die Scherben bei Saint-Gobain in der Produktion wieder verwendet werden können.

Beispielhaftes Recycling

Saint-Gobain Glass hat bereits vielversprechende Projekte umgesetzt. Zum Beispiel beim ehemaligen Hauptquartier der Fluggesellschaft SAS in Stockholm. Beim zweiten Vorzeige-Projekt kam der Autobauer Audi auf Saint-Gobain zu und fragte, ob ein Recycling von Windschutzscheiben möglich sei. Bislang werden ausrangierte Autoscheiben und Panoramadächer meist zu Getränkeflaschen oder Dämmmaterialien weiterverarbeitet, wo eine geringe Scherbenqualität gefordert ist. Für das Projekt werden defekte Autoscheiben von VW-Konzernmarken, die in der Werkstatt nicht mehr repariert werden können, so aufbereitet, dass Saint-Gobain das gereinigte Glasrezyklat zu Flachglas verarbeiten kann. Daraus stellt das Schwesterunternehmen Saint-Gobain Sekurit in einem weiteren Prozess Autoglas her.

Die Menge, die im Moment von Audi kommt, ist mit rund 40 Tonnen noch sehr gering. Sie soll schrittweise erhöht werden, um schließlich eine Menge liefern zu können, die für eine Kleinserie ausreicht. „Die große Herausforderung war, dass wir am Ende einen Stoffstrom haben, der für die Floatglas-Industrie geeignet ist“, so Parulewski. „Das haben wir geschafft“. Wenn das Autoglasrecycling im größeren Umfang wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll umgesetzt werden kann, könnten Autoscheiben mit hohem Sekundärmaterialanteil perspektivisch in der Produktion des Audi Q4 E-Tron eingesetzt werden. „Unterm Strich haben wir jetzt einen Prozess, auf dem sich aufbauen lässt“, sagt Parulewski. „Das ist der große Erfolg an der ganzen Geschichte.“

Glasrecycling ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Es müssen nicht nur gewaltige Stoffströme umgeleitet, sondern es muss auch eine komplexe Technik bereitgestellt werden. Beides dient einer größeren Entwicklung in der Industrie, die notwendig ist, um im Klimaschutz voranzukommen. „Im Moment leben wir in einer spannenden Zeit,“ fasst Parulewski zusammen. Man müsse das große Ziel Produkt für Produkt und Markt für Markt angehen. „Ansonsten überheben wir uns und hinterlassen einen großen Scherbenhaufen.“ Aber das sind nicht die Scherben, die Parulewski braucht.

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